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Gewaltprävention heißt auch: Nicht jede emotionale Unfähigkeit ist Gaslighting und trotzdem kann sie verletzen

  • melfischeremmerich
  • 2 days ago
  • 2 min read

Nachdem ich heute über Gaslighting geschrieben habe, ist mir eines wichtig: Nicht jedes verletzende oder irritierende Verhalten ist automatisch bewusste psychologische Manipulation.

Ja, Gaslighting gibt es. Und es ist Gewalt.

Aber es gibt auch Situationen, in denen Menschen Verantwortung abwehren, Gefühle verdrehen oder auf Konflikte mit Schuldumkehr reagieren, ohne strategisch manipulieren zu wollen, sondern weil sie nie gelernt haben, mit Emotionen gesund umzugehen.

Und darüber müssen wir in Gewaltprävention ebenfalls sprechen.


Wenn emotionale Unreife wie Manipulation wirken kann

Viele Jungen lernen früh:Sei stark.Weine nicht.Zeig keine Schwäche.Schluck Gefühle runter.

Was oft nicht gelernt wird:Emotionen benennen.Konflikte reflektieren.Verletzungen anerkennen.Mit Scham umgehen.Verantwortung übernehmen, ohne sich bedroht zu fühlen.

Psychologische Forschung beschreibt in diesem Zusammenhang unter anderem das Konzept Alexithymie, Schwierigkeiten, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen oder auszudrücken. Männer zeigen im Durchschnitt häufiger entsprechende Muster, was auch mit Sozialisation erklärt wird. 

Das kann sich in Beziehungen so zeigen:

„Ich habe das doch nicht so gemeint.“„Jetzt mach nicht so ein Drama.“„Ich weiß gar nicht, was du von mir willst.“

Das kann beim Gegenüber wie Entwertung wirken und verletzt oft auch.

Aber: Verletzendes Verhalten ist nicht automatisch kalkuliertes Gaslighting.


Das erklärt etwas, entschuldigt aber nichts

Wenn jemand nie gelernt hat, Gefühle zu spiegeln oder Konflikte reif auszuhalten, kann daraus defensives, abwehrendes oder emotional unreifes Verhalten entstehen.

Das zu verstehen heißt nicht, es zu entschuldigen.

Denn die Wirkung auf Partner*innen bleibt real.

Wer sich ständig nicht gesehen, verdreht oder emotional allein gelassen fühlt, leidet unabhängig davon, ob hinter dem Verhalten bewusste Manipulation oder emotionale Unfähigkeit steckt.

Der Unterschied ist:Für Prävention und Einordnung ist diese Unterscheidung entscheidend.


Gewaltprävention braucht auch Emotionsbildung

Wenn wir Gewalt verhindern wollen, reicht es nicht, nur Übergriffe zu benennen.

Wir müssen früher anfangen.

Bei Jungen, die nie lernen zu fühlen.Bei Männern, die Konflikt nur als Angriff erleben.Bei Beziehungen, in denen Abwehr statt Verantwortung gelebt wird.

Gewaltprävention heißt deshalb auch:emotionale Kompetenz fördern,Beziehungskompetenz stärken,Scham und Abwehr verstehen,und Menschen beibringen, Gefühle nicht gegen andere zu verteidigen.

Interessanterweise zeigen Interventionsstudien sogar, dass emotionale Bildungsprogramme aggressive und dysfunktionale Muster reduzieren können. 


Nicht alles ist Gaslighting. Aber vieles braucht Aufmerksamkeit.

Nicht jede Verantwortungsausweichung ist psychische Gewalt.

Aber jede Dynamik, die dauerhaft verletzt, verdient Hinschauen.

Manchmal braucht es Schutz vor Gewalt.

Manchmal braucht es Entwicklung, wo emotionale Reife nie gelernt wurde.

Gewaltprävention bedeutet, beides unterscheiden zu können.

Denn Schutz beginnt nicht erst beim Erkennen von Täterstrategien,

sondern auch dort, wo wir verstehen, wie verletzende Dynamiken überhaupt entstehen.

Wissenschaftliche Quellen / weiterführende Literatur

  1. Levant, R. F. et al. – Normative Male Alexithymia and Men’s Emotional Socialization

    Beschreibt, wie traditionelle männliche Sozialisation dazu führen kann, Gefühle schlechter wahrzunehmen und auszudrücken (Normative Male Alexithymia).

  2. Levant, Ronald F. (1992). Toward the Reconstruction of Masculinity.

    Grundlagentext dazu, wie Jungen häufig emotionale Einschränkungen erlernen.

  3. Mahalik, J. R. et al. (2003). Development of the Conformity to Masculine Norms Inventory (CMNI).

    Zeigt Zusammenhänge zwischen traditionellen Männlichkeitsnormen, emotionaler Unterdrückung und problematischen Beziehungsmustern.

  4. Levant & Wong (2017). The Psychology of Men and Masculinities

    Umfassendes Werk zu Männerrollen, emotionaler Sozialisation und Auswirkungen auf Beziehungen.

  5. Karakurt, G. & Silver, K. E. (2013). Emotional Abuse in Intimate Relationships. In: Aggression and Violent Behavior.

    Wissenschaftliche Einordnung psychischer Gewalt und Abgrenzung zu dysfunktionalen Kommunikationsmustern.

  6. Durlak et al. (2011). The Impact of Enhancing Students’ Social and Emotional Learning: A Meta-Analysis. Child Development.

    Zeigt, dass Programme zur emotionalen Kompetenz Aggression und dysfunktionales Verhalten reduzieren können.

 
 
 

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